Zeitblick / Das Online-Magazin der HillAc - November/Dezember 2007 - Nr. 26

Begegnungen mit Tarot

Die großen Arkana des Tarot - ein Reisebericht
Teil 2: Entdeckungen und Begegnungen

Das Tor ins Leben
Die Liebenden


"Der Liebende" aus dem
Tarot de Marseille Convos
(2)

"Die Liebenden" aus den Tarotkarten
von Arthur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

Heute treffen wir unseren „Weltreisenden“ wieder. Gerade steht er an der Schwelle zur Eigenständigkeit, die durch die Karte Die Liebenden symbolisiert wird. Das Tor in ein selbst bestimmtes Leben durchschreitet man, wenn man beginnt, freie Entscheidungen zu treffen. Für viele von uns kam dieser Augenblick mit der erstmaligen Entscheidung für einen geliebten Menschen, auch wenn wir dabei in Widerspruch zu Eltern und Erziehern geraten sein sollten. Bis dahin konnten wir unsere Begleiter auf dem Lebensweg nicht selbst aussuchen, wir waren in ihre Mitte hinein geboren und folgten ihren Regeln. Mit der ersten Liebe wurde das anders, nun bestimmten wir selbst, mit wem wir gehen und wem wir unser Herz anvertrauen wollten. Das ist nichts Böses oder Schlimmes, selbst wenn Eltern diesem Augenblick im Leben ihrer Kinder mit gemischten Gefühlen entgegenschauen und ihn gar hinauszuzögern versuchen. Es ist der natürliche Lauf der Dinge, der sich nicht aufhalten lässt. Tatsächlich ruht ein Segen auf dem Schritt ins Leben, und man darf ihn mit Freude tun. Und wenn der Reisende dieses Tor jetzt durchschreitet, begreift er auch, was die Hohepriesterin damit gemeint hat, dass er einfach seinem Herzen folgen soll. In alten Decks wie dem Tarot von Marseille ist ein Mann zu sehen, der sich zwischen einer jungen und einer älteren Frau, vermutlich seiner Mutter, zu entscheiden hat.

Die Gesetze des Fortkommens
Wagen und Gerechtigkeit


"Der Wagen" aus den Tarotkarten
von Arthur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

"Der Wagen " aus dem
Tarot de Marseille Convos
(2)

Alles, was er bis jetzt über die Welt weiß, hat unser Reisender von Eltern und Lehrern aus zweiter Hand erfahren. Nun will er die Wunder mit eigenen Augen schauen. „Hurra“, ruft er, „jetzt bin ich frei, es gibt keine Mauern mehr, keine Grenzen engen mich ein, die Welt liegt mir zu Füßen! Und ich will voranstürmen, um sie, so schnell es nur geht, kennen zu lernen, ihre Schönheiten in mich aufzunehmen!“ Was wäre diesem Zweck dienlicher als ein Fahrzeug, das ihn mit einigen Pferdestärken von einem Highlight seiner Reise zum nächsten bringt. Der Wagen ist Ausdruck des freudigen Voranstrebens. Der Reisende hat allen Grund optimistisch zu sein, ist er doch jung und wird noch viel Interessantes erleben. Doch wird er spätestens beim Aufbruch feststellen, dass es gewisse Fertigkeiten erfordert, um das Gefährt nicht nur schnell, sondern auch sicher voranzubringen: Man muss die Zugtiere - im Rider Waite Tarot sind es zwei Sphinxen mit einem „eigenen“ (menschlichen) Kopf - einspannen, in Bewegung setzen und auch noch dazu bringen, in die gleiche Richtung zu laufen. Wer das nicht schafft, kommt nicht vom Fleck. Wer sich dabei eine Nachlässigkeit erlaubt, landet vielleicht im Graben. Indem der Reisende seine anfänglichen Schwierigkeiten überwindet, wird er zum geübten Wagenlenker und wird sich hohes Ansehen erwerben. Von Ansehen und glänzenden Aussichten spricht diese Karte, wenn sie in einer Legung erscheint. Wichtig ist aber, dass wir lernen, unser Geschick in die eigenen Hände zu nehmen und unseren Wagen in die richtige Richtung zu lenken.


"Gerechtigkeit" aus den Tarotkarten
von Arthur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

Doch die Reise unseres Helden verläuft nicht durch einen rechtsfreien Raum. Er ist längst kein passiver Beobachter mehr, sondern wurde, indem er das Tor der Liebenden durchschritt, zu einem Teil dieser Welt und muss sich nun ihren Regeln unterordnen. Waren die Gesetze des Zusammenlebens bisher nur „graue Theorie“, die ihm der Herrscher auf den Weg mitgab, lernt er jetzt, was ihre Einhaltung oder Nichteinhaltung in der Realität für Konsequenzen haben kann. Manchmal ist es gar nicht so einfach, die Regeln einzuhalten, und das Leben fordert Kompromisse, etwa wenn es darum geht, entweder zu schnell zu fahren oder zu spät ans Ziel zu kommen. Manchmal übertreten wir Regeln, weil wir sie nicht kennen oder schlicht vergessen haben. Doch, oh Wunder, nicht immer passiert etwas Schlimmes. Wir sind nicht allein, und oft helfen Mitmenschen, die aufmerksamer sind als wir, ein Unglück zu verhindern. Glücklicherweise ist auch nicht in jedem Fall ein Ordnungshüter zur Stelle, der den Fehltritt ahndet. Doch jedes Mal, wenn „noch einmal alles gut gegangen“ ist, gehen wir - wie auch der lernfähige Wagenlenker - in uns und geloben, künftig besser aufzupassen. So lernen wir in der Realität, wo Gefahren lauern und Grenzen gesteckt sind. Wenn die Karte Gerechtigkeit auftaucht, heißt es daher, die Art und Weise zu beurteilen, in der wir uns den Regeln des Lebens stellen. Es geht nicht um eine strenge Verurteilung, sondern um die Betrachtung der Konsequenzen unseres Handelns, um die Regulierung von Schäden, die wir verursacht haben, aber auch um Fairness anderen und vor allem uns selbst gegenüber. Es geht darum, zu verstehen, dass wir ernten werden, was wir ausgesät haben. Wir begreifen schließlich, dass im Grunde keine Vorschriften erforderlich sind, um zu beurteilen, was richtig und was falsch ist, denn diese Urteilsgabe liegt in uns selbst.

[Anm.: Der Autor Arthur Edward Waite, auf den die meisten hier dargestellten Karten zurückgehen, änderte die Reihenfolge der großen Arkana, indem er die Karten Kraft und Gerechtigkeit austauschte. Dies tat er wahrscheinlich aus astrologischen Gründen. Er stellte damit die Gerechtigkeit in logischen Zusammenhang zum Gehängten (Sühne und Umkehr) und Tod (natürliches Ende aller Bestrebungen).]

Begegnungen, Ziele und Träume
Vom Eremiten zum Gehängten


"Der Eremit" aus den Tarotkarten
von Arthur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

Eines Tages gerät der dynamische, weltoffene Wagenlenker ausgerechnet in die Höhle des Eremiten. Der Reisende hat eine Bergwanderung unternommen und dabei aus Begeisterung über die Landschaft vergessen, die Zeit für den Rückweg bei Tageslicht einzuplanen. Da trifft er in der Dämmerung auf einen alten Mann, der ihm Nachtquartier gewährt. Für beide verläuft der Abend vergnüglich, denn der Eremit erfährt durch seinen Gast, was sich in der Welt ereignet und verändert hat. Und auch unser Wagenlenker findet Gefallen an dem seltsamen Mann, dessen zurückgezogene Lebensweise ihm absolut fremd und neu ist. Umso größer die Überraschung, dass der Eremit ein tiefes Wissen über Details des Lebens besitzt, die er selbst bisher nicht einmal beachtet hat. Später stellt ihm der fromme Mann die Frage: „Und wohin geht deine Reise, welches Ziel willst du erreichen?“ Der Wagenlenker antwortet irritiert, dass er eigentlich die ganze Welt sehen möchte. „Und wozu das? Was bringt dir die anstrengende Rumreiserei?“, fragt der Einsiedler da lächelnd. Wieder einmal hat er einen Zuhörer gefunden, dem er begreiflich machen kann, dass Energien verschwendet sind, die keinem Ziel dienen. Doch um die eigenen Ziele zu definieren, muss man zunächst herausfinden, wer man selbst ist und welche Bedürfnisse einen vorantreiben. Wir sind nur dann in der Lage, unsere Ziele im Einklang mit unseren wahren Bedürfnissen zu entwickeln, wenn wir diese benennen können. Wenn der Eremit in einer Legung erscheint, will er uns darauf hinweisen, dass wir vor jeder Neuorientierung zunächst unser Innerstes befragen sollen, was wir selbst eigentlich erreichen möchten.


"Rad des Schicksals" aus den Tarotkarten
von Arthur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

Der junge Reisende hat sich der Einsamkeit des Eremiten hingegeben, vielleicht nur für kurze Zeit, vielleicht aber sogar ein paar Tage lang. In der Nacht vor dem Aufbruch, als er schon weiß, dass er am Morgen weiter reisen wird, hat er einen seltsamen Traum. Da dreht sich ein riesiges Rad in den Wolken. Man kann nicht sehen, wodurch es angetrieben wird. Seltsame Wesen, halb Tier halb Mensch, steigen auf und ab, können sich manchmal eine Weile oben halten, fallen dann aber wieder zurück. Denn weiter und weiter dreht sich das Rad, keines der Wesen kann es anhalten oder beschleunigen. Am Morgen erzählt der Reisende dem Eremiten davon, und dieser lacht erfreut. „Da hast du etwas sehr Wichtiges erkannt. Ich habe dich gelehrt, dass das Leben dir ermöglicht, im Rahmen deiner Potenziale und Veranlagungen immer neue Ziele in Angriff zu nehmen. Doch das Rad in den Wolken hat dich daran erinnert, dass dein Wille nicht die einzige Triebkraft in der Welt ist. Das Leben wird durch viele Faktoren bestimmt, wie ein riesiges Rad dreht es sich. Mal bist du oben, mal unten, und es bringt dich immer weiter voran, mal hierhin und mal dorthin. Aber verzweifle nicht, du hast dich nicht umsonst erforscht und hast Pläne geschmiedet. Glaube an dein Glück, das dich an den Platz bringen wird, welchen das Leben für dich bereit hält, nur eben manchmal nicht auf dem direkten Weg, den du dir ausgemalt hast. Manchmal braucht es etwas länger, ein anderes Mal geht es sogar schneller. Manchmal macht das Leben scheinbar Umwege, aber wenn du Glück hast, zeigt es dir dabei ein spannendes, interessantes Stück von der Welt, was dir sonst entgangen wäre. Glaube ans Leben, erkenne deine Chancen und greife zum rechten Zeitpunkt zu.“


"Kraft" aus den Tarotkarten
von Arthur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

So manche merkwürdige und interessante Begegnung erwartet den jungen Reisenden auf seinem weiteren Weg. Er wird unverwechselbare Städte und Landschaften entdecken und Persönlichkeiten treffen, die ihm für immer im Gedächtnis bleiben. Eine, die ihn besonders stark beeindruckt, ist die „Löwenfrau“. Als er ihr begegnet, meint er, ritterlich eingreifen und sie beschützen zu müssen, weil sie sich offenbar ahnungslos einem gefährlichen Raubtier nähert. Doch der Löwe, so wild ist er scheint’s gar nicht! Er lässt die Frau gewähren und genießt sogar die streichelnde Berührung ihrer warmen, weichen Hände. „Was hast du mit ihm gemacht, dass er seine Wildheit verloren hat?“, will der Wagenlenker wissen. „Oh, aber das hat er gar nicht!“, erwidert die Frau erstaunt. „Du solltest nicht versuchen, uns in böser Absicht nahe zu kommen. Dann würdest du erfahren, wie reißend mein Löwe sein kann. In meinen Händen aber ist er sanft und zahm wie ein Kätzchen, denn er kennt mich und weiß, dass ich ihm wohl gesonnen bin, ihn weder fürchte noch bekämpfe, ihn immer lieben, hegen und mit Respekt behandeln werde. Er ist was er ist: ein wildes Raubtier. Doch er folgt mir freiwillig, weil er spürt, dass wir uns immer gegenseitig beistehen werden.“ Die Karte Kraft spricht davon, dass jeder Mensch große Kräfte in sich birgt, die es ihm ermöglichen, manchmal wie ein wildes Tier für oder gegen etwas zu kämpfen. Doch tausendmal stärker sind wir, wenn nicht blinde Wut den Kampf bestimmt, sondern der Verstand die Oberhand behält, wenn wir die rationale Beurteilung der Situation und den emotionalen Einsatz für die Sache miteinander verbinden. Wir müssen keine Angst vor unseren Leidenschaften, Lüsten und Instinkten haben, denn sie sind ein Teil unseres Wesens. Im Laufe unseres Lebens werden wir sie immer besser beherrschen, aber wir sollten sie nicht abtöten, denn sie sind ein unverzichtbarer Bestandteil unserer menschlichen Stärke.

[Anm.: Der Autor Arthur Edward Waite tauschte, wie schon gesagt, die Karten Kraft und Gerechtigkeit aus. Diese Veränderung unterstreicht, dass die Beherrschung der Leidenschaft eine Lernaufgabe ist, der die Menschen sich heute oft schon in einer frühen Lebensphase stellen.]


"Der Gehängte" aus den Tarotkarten
von Arthur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

"Der Gehängte" aus dem
Tarot de Marseille Convos
(2)

Eine der befremdlichsten Reisebekanntschaften des Wagenlenkers ist ein Mann, der kopfüber an einem Holz hängt, nur an einem Fuß festgebunden. Er ist still in die Betrachtung der Landschaft versunken, die für ihn auf dem Kopf steht. Das hilft ihm, so sagt er, sein Leben und die Welt genauer zu erkennen. Manchmal gerät die große Reise, der natürliche Fluss des Lebens plötzlich ins Stocken, wenn wir feststellen, dass etwas ganz und gar verkehrt läuft. Dann hängen wir fest und haben gar das Gefühl, dass alles auf den Kopf gestellt wurde. Kann es sein, dass wir selbst Kopfstände und Verrenkungen unternehmen, damit die Dinge doch noch so aussehen, wie sie uns richtig erscheinen? Der Gehängte kann sehr unterschiedlich interpretiert werden. Im Mittelalter bestrafte man auf diese Weise Verräter. Wird hier also jemand für eine Missetat bestraft, möglicherweise gar für einen Verrat an sich selbst? Oder handelt es sich um eine Yogaübung, und hat der Gehängte sich freiwillig in diese unbequeme Position begeben? In jedem Fall kann er sich momentan nicht selbst befreien, sondern muss warten, bis er wieder heruntergelassen wird. Und in der Zwischenzeit betrachtet er die auf dem Kopf stehende Welt genauer. Es kann sehr hilfreich sein, die Dinge aus einem völlig anderen Blickwinkel zu betrachten, denn wenn die gewohnte Perspektive wegfällt, wird es einfacher, die Fehler zu erkennen. Wenn der Gehängte in einer Legung erscheint, ermahnt er zu Geduld. Bevor man eine Sachlage mit viel Engagement und Einsatz verändern kann, muss man sich erst die Zeit nehmen, sie zu verstehen. Ob uns eine Krankheit ans Bett fesselt, weil unser Körper uns eine wichtige Botschaft übermitteln möchte, oder ob wir einen neuen Standpunkt suchen, um eine Schieflage in unserer Umwelt in den Griff zu bekommen, wir sollen und dürfen uns so viel Zeit nehmen, wie wir brauchen, um die Hintergründe aus allen Richtungen zu beleuchten. Erst dann kommen wir wieder frei und es kann weiter gehen.

Alles hat ein Ende -
Tod und Mäßigkeit


"Tod" aus den Tarotkarten
von Arthur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

Die schaurige Begegnung mit dem Tod schließlich erinnert den Reisenden daran, dass der Mensch wohl so manches Jahr auf Erden lebt, nicht aber alle Zeit der Welt hat. Niemand kommt dem Tod aus, irgendwann kommt für jeden der Zeitpunkt, da er diese Welt verlässt. Woran er auch glauben mag, seine physische Existenz ist dann unwiderruflich vorbei. In jedem Menschenleben gibt es einmal einen einzigen Augenblick, wo die Welt stillsteht, weil man ganz und gar verinnerlicht, dass das eigene Dasein endlich ist. Das geschieht in der Regel, wenn wir einen unwiederbringlichen Verlust erleiden, uns erfolglos dagegen wehren und am Ende doch loslassen müssen. Unser Leben ist voll von „kleinen Toden“, von der Erfahrung, dass einmal Vergangenes nicht zurückgeholt werden kann. Eines Tages bemerkt man, dass man die Geborgenheit der Kindheit verloren hat, dass die Schulzeit, die für das Lernen vorgesehen war, vorbei ist und nun alles Neue nur noch mühsam aufgenommen wird oder dass man - obgleich noch recht jugendlich - wirklich kein junger Mensch mehr ist. Wenn eine Liebe enttäuscht worden ist, wird sie niemals wieder so werden wie zuvor. Wenn eine Frau die Wechseljahre durchlebt hat, ist die Zeit, Kinder zu bekommen, vorbei. Immer wieder erleben wir Augenblicke, wo wir nur noch loslassen können. Der Tod ist das zweite Tor, vor das unser Reisender tritt. Wer hier hindurch schreitet, kommt nicht wieder zurück, und erst, wenn er auf der anderen Seite ist, weiß er, was sich dort befindet. Die Karte erinnert uns schmerzlich an alle Entwicklungen in unserem Leben, die ein natürliches Ende erreicht haben und nicht wieder rückgängig gemacht werden können. Aber sie kündet auch von der Hoffnung eines jeden Menschen, dass auf der anderen Seite ein neues Leben auf ihn wartet und der Weg weiter geht. Ohne diese Hoffnung wären wir nicht lebensfähig.


"Mässigkeit" aus den Tarotkarten
von Arthur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

Im Angesicht des Todes durchleidet der Reisende - wie wohl die meisten Menschen auf dieser Erde - eine Phase größter Verzweiflung. Warum nur, fragt er sich, bin ich aufgebrochen, warum überhaupt auf die Welt gekommen, wenn meine Reise eines Tages jäh zu Ende gehen und alles umsonst sein wird? Warum das Leben lieben lernen, wenn es mir jederzeit weggenommen werden kann? Da tritt ein Engel an seine Seite und tröstet den Verzweifelten und uns mit ihm. Selbst wenn der Tod untrüglich eines Tages kommen wird, dürfen wir bis zur letzten Minute das Leben mit allen Sinnen genießen, das Schöne sehen und unsere Kräfte gebrauchen. Zwar sind Kraft und Zeit, die uns für unser Leben gegeben sind, begrenzt, aber sie wurden uns zur freien Verfügung überlassen. Nichts muss am Ende wieder zurückgegeben werden. Und so will die Karte, welche im deutschsprachigen Tarot so missverständlich Mäßigkeit genannt wird, helfen, den Lebensmut in schweren Augenblicken zu bewahren und unser Leben in Harmonie und Freude zu erleben. Es geht hier um das rechte Maß in allen Lebensbereichen und um die Gewissheit des Herzens, dass nichts, was wir tun, umsonst ist, mit deren Hilfe wir für den Rest unseres irdischen Seins die erschreckende Vision des Todes überwinden.

Der Tod ist nicht das Ende. Im Tarot ist er gar erst die vierzehnte von insgesamt zweiundzwanzig großen Arkana! Und getröstet und in Harmonie mit dem Leben verlassen wir den Reisenden wieder für einige Zeit, ehe wir mit ihm zum nächsten Abschnitt der Reise aufbrechen, um in die dunklen Tiefen des Unbewussten zu tauchen und die abenteuerliche dunkele Seite des Daseins zu erforschen, ihren Gefahren erfolgreich zu widerstehen und sie letztlich ins Leben zu integrieren.

© Annegret Zimmer

(1) Mit freundlicher Genehmigung des Königsfurt-Verlags. © Königsfurt Verlag, Krummwisch.

(2) Abbildungen aus dem Tarot de Marseille Convos mit Erlaubnis der Firma AGM AGMüller Urania, Neuhausen/Schweiz. © 1999 AGM. Weitere Reproduktion nicht gestattet.

Annegret Zimmer lebt und arbeitet in Halle/Saale und ist Gründungsmitglied des Tarot e.V. Erster Deutscher Tarotverband.