Zeitblick / Das Online-Magazin der HillAc - November/Dezember 2007 - Nr. 26

Wort-Meldung

Hier sprechen Fachleute

Etwas wagen, versuchen - Sprachwissenschaftler vermuten, dass dies in einer frühen Stufe der indogermanischen Sprachen mit der Silbe *per- ausgedrückt wurde (Der Stern kennzeichnet, dass dies aber nicht bewiesen ist.). Hieraus entwickelte sich unter anderem das lateinische Verb experiri. Dessen Partizip expertus wiederum lebte weiter im französischen Wort expert (erfahren, sachkundig, auch: Sachkundiger), dem im neunzehnten Jahrhundert der Sprung über den Rhein gelang - und da war er angekommen in der deutschen Sprache: der Experte.

Seitdem genießt er hierzulande großes Ansehen, führt in Expertenrunden Expertengespräche, denn seine Expertenmeinung oder gar eine Expertise ist immer gefragt.

Dabei ist es gar nicht so schwer, ein Experte zu sein: Dafür ist kein Meisterbrief, kein Diplom, kein Doktor- oder Professorentitel notwendig (wenngleich dies natürlich bei vielen Experten der Fall ist): Die Bezeichnung Experte ist nicht geschützt, und wer sich dafür hält, ohne all zu viel Widerspruch auszulösen, oder wen andere dafür halten, der ist eben einer.

Aber es soll in dieser Wortmeldung nicht darum gehen, eine Prüfung zu fordern, ohne die man sich nicht als Experten bezeichnen darf. Ohnehin hat die Inflation der Sachverständigen schon dazu geführt, dass man manchmal die Leute, die wirklich Ahnung von der Sache haben, als ausgewiesene Experten kennzeichnet.

Nein, hier soll auf eine andere Entwicklung aufmerksam gemacht werden: Die Verdrängung des „Sprechers“ durch den „Experten“, die sich unbewusst oder vielleicht doch bewusst in den Nachrichtenmedien vollzieht.

Wenn eine Partei, nennen wir sie der Einfachheit halber die Liberal-Sozialistischen Konservativen, kurz LSK, eine gewisse Größe erreicht hat und auf verschiedenen politischen Feldern agiert, dann muss irgendwie geregelt werden, wer der Öffentlichkeit mitteilt, was die Partei denkt. Das kann dann kaum eine einzelne Person leisten. Ebenso unpraktisch wäre es aber auch, wenn jeder Hinterbänkler zu jedem Thema unkoordiniert seine Meinung sagen würde. Deshalb wurden sinnvollerweise von den Parteien Personen benannt, die jeweils für einen Bereich als Ansprechpartner für die Medienvertreter fungieren, und sie wurden, ebenso sinnvollerweise, „Sprecher“ genannt.

Diese Bezeichnung erscheint angemessen: Sprecher sind nicht unbedingt Entscheider, sie sind auch nicht notwendigerweise Fachleute für die Sachgebiete (man denke an den universell einsetzbaren Pressesprecher), aber man weiß, dass das, was ein Sprecher sagt, Gültigkeit für die Institution oder Partei hat, die er vertritt. Somit ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, wenn der wirtschaftspolitische Sprecher der LSK ein Interview gibt und der bildungspolitische Sprecher einen besseren Umgang mit der deutschen Sprache fordert.

Seit geraumer Zeit sind die Sprecher aber eine bedrohte Spezies, denn sie werden durch die Experten verdrängt. Nun äußert sich auf einmal der Rentenexperte der LSK. Und die Ersetzung des Wortes hat eine subtile Gewichtsverlagerung zur Folge.

Erstens: Während ein Sprecher noch eine Meinung oder Absicht mitteilte, mit der man einverstanden sein kann oder auch nicht, suggeriert die Äußerung eines Experten, dass ein Sachverhalt objektiv und präzise beschrieben wird. Die Expertenautorität ist dazu angetan, den Widerspruch des Laien zum Verstummen zu bringen.

Zweitens: Die sich äußernde Person gewinnt ein höheres Ansehen, da ihr, besonders, wenn die Bezeichnung in den Medien reproduziert wird, öffentlich Sachkompetenz zugebilligt wird.

Drittens: Auch die Institution oder Partei verzeichnet einen Imagegewinn. Einerseits wird deutlich, dass sie so groß und mächtig ist, dass sie sich für alle möglichen Bereiche einen Spezialisten leisten kann, andererseits wird signalisiert, dass sie kompetent arbeitet und fundierte Urteile abgibt, denn sie sagt nicht einfach ihre Meinung, sondern holt sich Experten hinzu, um richtig handeln zu können. Ja, sie besteht selbst aus Experten und nicht etwa nur aus Politikern.

Der Begriff Experte ist, wie oben schon aufgezeigt, nicht geschützt. Rechtlich und formal lässt sich also überhaupt nichts dagegen sagen, wenn die LSK Frau X zu ihrer Gesundheitsexpertin und Herrn Y zu ihrem Finanzexperten erklärt. In dem Wort ihrem, bzw. in der Verwendung des Genitivs, liegt dabei ein besonderer Dreh: Herr Y und Frau X müssen nämlich noch nicht einmal wirklich Fachleute auf ihrem Gebiet sein – schon gar keine ausgewiesenen! -, sondern es muss nur behauptet werden, dass sie in der gesamten Gruppe die relativ besten Kenntnisse von der Sache haben. In diesem Sinne ist dann auch Onkel Otto der Energieexperte der Familie Krause, weil er immer die Kohlen aus dem Keller holt.

Wie an anlässlich eines anderen Beispiels in einer früheren Wortmeldung schon einmal gesagt:

Die Anwendung des Wortes Experte in Nachrichten und politischen Berichten kann angemessen sein. Sie kann aber auch gedankenlos, fahrlässig oder bewusst manipulierend erfolgen.

Ich empfehle, die Experten im Auge zu behalten. Und ruhig einmal zu wagen oder zu versuchen, ihre Aussagen kritisch zu prüfen.

© Henrik Meetu